“Die Schweinegrip­pe haben wir auch geschafft.”
Ange­lika Müller (61) ist unheilbar krank und verbringt den letzten Abschnitt ihres Lebens im Hospiz in der Vir­chowstraße. Ein Ort, an dem man Abschied nehmen kann. An dem man umsorgt wird, an den die Liebs­ten kommen. Doch seit dem 23. März bekommen Frau Müller und die sieben anderen Gäste der Ein­richtung nur noch wenig Besuch.

Schuld ist die Corona-Pandemie, deren Schatten vor der Tür des Hos­pizes herumschleicht und droht, hi­nein zu gelangen. So musste der Zu­gang beschränkt werden. Fiele ein größerer Teil der 18 Pflegekräfte der Einrichtung aus, könnte der Betrieb nicht mehr gewährleistet werden. Angelika Müller trägt es mit der Kraft ihrer Vernunft. ,,Man muss das große Ganze sehen”, sagt sie. „Ich hoffe nur, dass meine Kinder und Enkel gesund bleiben.” Den Kontakt zur Ihnen hält sie über Bil­der. Immer wieder kommen Fotos herein: Ein Enkel reitet auf dem Rü­cken des anderen. Das gebe ihr Kraft. Genau wie lange Telefonate.

„Dass Besucher nur noch sehr eingeschränkt kommen können, ist für alle Mitarbeiter nur schwer zu ertragen” sagt Britta Bötel, die Ge­schäftsführerin des Hospizes mit seinen acht Plätzen. Die Pflegekräf­te versuchen, die Trauer und Sorgen der Gäste so gut es geht aufzufan­gen. “Wir leiden mit. Es ist schmerz­haft.” Widerspreche dieses Vorge­hen doch dem Grundgedanken ihrer Arbeit – ,,die Lebensqualität für Schwerkranke in ihrem letzten Lebensabschnitt zu erhöhen”.

Doch auch wenn in der Verfügung des Landes Palliativeinrichtungen von dem Besuchsverbot ausgenom­men sind, so habe man doch Be­schränkungen vornehmen müssen, um bei Krankheitsfällen unter Mit­arbeitern oder Gästen nicht plötz­lich schließen zu müssen. Damit wäre auch den Gästen nicht gehol­fen, die dann womöglich auf Kran­kenhäuser verteilt werden müssten. Wie vielerorts herrscht auch im Hospiz derzeit eine „etwas unwirk­liche Stimmung”, sagt Böte! “Wir halten den Alltag aufrecht.” Auch die Mitarbeiter sind froh, arbeiten gehen zu können und halten sich an den gewohnten Strukturen fest. ,,Das gibt Sicherheit. Alle Mitarbei­ter sind motiviert, bringen sich ein und halten zusammen. Ich bin ih­nen sehr dankbar und sehr stolz auf sie.” Auch Ärzte, Reinigungskräfte und der Caterer, der mittags das Es­sen liefert, seien weiterhin für sie da. „Das hilft uns, die Normalität im Hospiz zu erhalten.”

Doch dass nicht alles „ganz normal” ist, macht sich an verschiede­nen Stellen bemerkbar. An Kleinig­keiten, wie dem Desinfektionsmit­tel am Eingang. Den Hinweisen zur Dauer des Händewaschens auf den Toiletten (zwei Mal „Happy Birth­day singen”). Und den größeren Einschnitten, wie der fast völligen Abwesenheit ehrenamtlicher Hel­fer, die dem Hospiz ansonsten treu zur Seite stehen.

Einbruch bei den Spenden

Bötel hat ihnen freigestellt, ob sie weiterhin kommen wollen. Die meisten von ihnen sind fortgeschrit­tenen Alters und gehören damit zur Risikogruppe. Auch wollen sie die Mitarbeiter nicht gefährden. Also bleiben sie vorerst – zum Schutze al­ler – überwiegend zuhause. Auch wenn sie ein wichtige Säule der Arbeit darstellen. “Wir freuen uns aber schon auf die Zeit, wenn Sie wieder im Hospiz für unsere Gäste da sein können.”

Zu bemerken ist die Veränderung auch beim Einkauf: “Wir bereiten Frühstück und Abendessen selbst und besorgen zweimal pro Woche Lebensmittel”, erzählt die Ge­schäftsführerin. Doch größere Mengen seien kaum im Supermarkt erhältlich. Wenn der Hausmeister versuche, eine Stiege Milch zu kau­fen, werde das untersagt – oder der Mann von anderen Kunden schräg angeguckt. ,,Ich kann das ja verste­hen”, sagt Bötel. ,,Aber wir brau­chen diese Dinge für die tägliche Versorgung und horten nicht.” Sie hat ihm ein offizielles Schreiben mitgegeben und hofft, dass das hilft.

Geradezu existenzbedrohend ist, dass seit dem Beginn der Corona ­Krise so gut wie keine Spenden mehr hereinkommen. ,,Das ist wie abgeschnitten.” 150.000 bis 200.000 Euro an Spenden braucht das Hospiz in Salzgitter-Bad pro Jahr. Setzt sich die jetzige Situation fort, wird es im fünfzehnten Jahr des Bestehens eng. Dabei steigen die Ausgaben der­zeit auch noch an. Die Wäsche mit erhöhten hygienischen Ansprüchen wird derzeit noch in einer Wä­scherei gemacht. Doch auch dort arbeitet man schon mit weniger Per­sonal. Keiner weiß ob und wie lange der Betrieb weiterläuft. Bötel musste deshalb eine Indust­riewaschmaschine anschaffen, um sich für alle Eventualitäten abzusi­chern. Mehr als 6.000 Euro tief ist das Loch, das der Kauf in die Kasse riss. Und wenn es überhaupt einmal Desinfektionsmittel oder Mund­schutze gibt, dann zu horrenden Preisen. ,,Aber auch die brauchen wir für unsere Arbeit.”

Im Hospiz versucht man, das gro­ße Ganze zu sehen und so vernünf­tig und stark zu sein wie Frau Müller. Denn die Schweinegrippe hat man ja auch überstanden. Doch ohne Hilfe wird das nicht gehen.

Salzgitter-Zeitung vom 28.03.2020
Text: Erik Westermann
Bild: Norbert Försterling / Picture Alliance / DPA